Was hätte er noch alles bewegen können

Abschied nehmen von Jochen Fischer

NEURIED. Jochen Fischer ist tot. Er starb am Samstag nach schwerer Krankheit im Alter von 50 Jahren. Fischer hinterlässt seine Frau Heike und die Kinder Hannah-Luna (20) und Samuel (18). Neuried verliert in ihm einen außerordentlich fähigen Bürgermeister. Sein Ansehen in der Bevölkerung lässt sich so beschreiben: Hätte er sich im März 2021 erneut zur Wahl gestellt, wohl niemand sonst hätte kandidiert.

Freunde und Weggefährten beschreiben Fischer als vielseitige, offene Persönlichkeit. Immer wieder genannt wird sein Fähigkeit zur Integration. Sein größtes Projekt als Bürgermeister sei das “Wir-Gefühl Neuried” gewesen, drückt es Ralf Wollenbär aus, der als stellvertretender Bürgermeister eng mit ihm zusammenarbeitete. Wie kein anderer vor ihm überwand  Fischer althergebrachte Vorbehalte zwischen den Ortsteilen, stellte die Gemeinschaft in den Vordergrund. Katholisch getauft und tief in der Religion verwurzelt, bekannte er sich zur Ökumene.

Für sich persönlich brachte er Familie, Beruf und Heimat in Einklang. Das war nicht immer so, denn als Manager in der Druckfarbenindustrie war er die meiste Zeit von der Familie getrennt. Er arbeitete von 2006 bis 2010 in Barcelona und danach bis 2013 bei einer Firma in Halle a.d. Saale. “Aber am Wochenende war er immer zu Hause, auch in seiner Zeit in Spanien”, sagt Ehefrau Heike. Mit dem Bürgermeister-Job bot sich nicht nur die Chance, beruflich heimzukehren. “Es reizte ihn auch, etwas ganz anderes zu machen”, ergänzt Heike Fischer. Bar jeder politischen Erfahrung trat er 2013 gegen den Berufspolitiker Gerhard Borchert an, der das Amt seit 1997 innehatte, und gewann.

“Die Skepsis unter den Mitarbeitern war zunächst groß,” erinnert sich Bürgermeister-Stellvertreter Peter Heuken. “Das legte sich dann aber schnell. Endlich konnten wir mit unserem Bürgermeister reden, das waren wir nicht gewohnt. Er brachte frischen Wind ins Rathaus und gab uns das Gefühl, wir können was bewegen. Die Zusammenarbeit mit ihm war reine Freude. Wir verstanden uns fast blind. Sein Wort galt, mein Wort galt.”

Jochen Fischer konnte zuhören und nahm sein Gegenüber ernst. “Er war ein zugewandter Mensch”, sagt Christian Messerschmidt, der Leiter des Jugendzentrums “Wasserwerk”. “Fischer sprach immer auf Augenhöhe mit den Jugendlichen, das war kein Schmuh. Der Jugend-Gemeinderat war ihm wichtig.” Fischer hatte den Vorsitz inne und behielt so die Anliegen der Jugend im Blick.

Feingefühl im Umgang attestiert Ralf Wollenbär dem Verstorbenen. “Er war emotional, kreativ, musisch. Dabei vertrat er seine Standpunkte konsequent. Konnte er sich einmal nicht durchsetzen, akzeptierte er das, ohne nachtragend oder persönlich angegriffen zu sein. Sein dickes Fell, seine Coolness waren erstaumlich.”

Alexander Schröder, Bürgermeister von Meißenheim, beschreibt Jochen Fischer als Mann der Tat. Schröder und Fischer brachten gemeinsam mit Wolfgang Brucker, dem Bürgermeister von Schwanau, die Freizeitregion Ried auf den Weg. “Mit ihm war es immer ein offenes Miteinander. Aufgaben ging er zielorientiert an, suchte gangbare Wege zur Umsetzung. Er hat das Bürgermeister-Sein geliebt und gelebt.”

“Bürgernähe” war für Jochen Fischer mehr als nur Etikett. Er mischte sich gern und viel unters Volk, mit Vorliebe singend und Gitarre spielend oder als Leierkastenmann an der Drehorgel. Die Musik diente ihm auch als Vehikel, Werte zu transportieren. Am Neujahrsempfang 2019 sang er mit einem großen Kinderchor “Wir ziehen in den Frieden” und ließ einen Jungen das Diskrimierungsverbot nach Artikel 3 des Grundgesetzes verlesen. Grüne Positionen vertrat er, ohne Parteimitglied zu sein. “Bei Umweltthemen setzte er sich stark ein,” sagt Peter Heuken, “vielleicht auch, weil er aus der Chemiebranche kam.”

Nicht erst seit seiner Erkrankung, aber besonders mit ihr zeigte sich Fischers innere Stärke. “Mich hat sehr beeindruckt, wie er mit seiner Krankheit umging”, sagt Theaterleiter Edzard Schoppmann. “Er blieb immer positiv, klagte nie, hatte stets ein Lächeln. Warum ausgerechnet er?”

Diese Frage sei ihm mehrfach gestellt worden, weiß Heike Fischer. Er habe seine eigene Antwort darauf gehabt: “Wenn ich die Krankheit habe, dann hat sie ein Anderer nicht. Das ist gut so, denn wir haben die Kraft, das durchzustehen.” Mit “wir” war seine Familie gemeint. Jochen Fischer starb, wie es sein Wunsch war, zu Hause. Es ist das Haus neben seinem Elternhaus in Ichenheim. Seine Frau und die Kinder waren bei ihm.

Jochen Fischer wird im Täuferwald bestattet. Der Bestattungswald ist eines der vielen Projekte, die im Laufe seiner Amtszeit realisiert wurden. Die Trauerfeier muss und wird im engeren Kreis stattfinden. Ort und Zeit bleiben aus Rücksicht auf die Familie ungenannt. Es täte weh, sagt Heike Fischer, dass so viele Menschen ihrer Trauer Ausdruck geben wollten und es nicht dürften.

DK | 25.11.2020

Dennis Wurth, Mitglied des Jugendgemeinderates Neuried, hat auf Facebook einen Nachruf auf Jochen Fischer gepostet. Hier ist der Link: https://www.facebook.com/dennis.wurth

Dierk Knechtel
Dierk Knechtel