“Gott hilft uns, Dinge zu ändern”

Pfarrer Gerald Koch im Interview, Teil 2 | Wieviel Seelsorge noch ist | Warum Babytaufe?

Gerald Koch 2 _ Dierk Knechtel
Blick aufwärts: Pfarrer Gerald Koch
Foto: Dierk Knechtel

NEURIED. Die evangelische Kirche betreibt Marktforschung, um ihr “Angebot” den Bedürfnissen der Mitglieder anzupassen. Damit endete Teil 1 des Gespräches mit Pfarrer Gerald Koch. Besteht dieses Angebot nicht in erster Linie im spirituellen Teil, im Glauben? Wie hoch ist der Anteil der wirklich Gläubigen in der Gemeinde?

Gerald Koch, der dieses Jahr 21 Konfirmanden hat, wägt ab: “Eine schwierige Frage. Ab wann ist jemand nicht mehr gläubig? Erziehung spielt schon eine Rolle, aber nicht nur. Viele kommen nie zum Gottesdienst, trotzdem weiß ich, dass ihnen die Verbindung zur Kirche wichtig ist. Die spenden auch.”

Was bedeutet den Leuten Religion? Noch immer beginnt alles mit der Taufe. “Viele Eltern sind nicht gläubig, trotzdem ist es ihnen wichtig, dass ihr Kind getauft wird”, sagt Koch. “Das gehört doch dazu, finden sie. Die Kleinkindtaufe hat auch den Sinn, dass es in der kirchlichen Gemeinschaft aufwächst und die Familie Kontakt zur Kirche hält. Vielleicht auch was von Gott erfährt…”. Der 51-jährige überlegt. “Engel spielen eine Rolle. Das Gefühl, beschützt, begleitet zu sein.”

Was ist mit den Ausgetretenen, denen, die der Kirche “fern” sind, wie Anna Schimmel sagt? Koch: “Ich habe Leute angerufen, die ausgetreten waren. Die Reaktionen waren verhalten. Es war ihnen unangenehm. In der Regel sind es finanzielle Gründe – aber eigentlich nur mittelbar. Die Leute sagen, ich habe von der Kirche nichts, warum soll ich dann noch Geld bezahlen? Da sind wir als Kirche nicht flexibel genug.”

Muss sich die Botschaft ändern? Was wird überhaupt gepredigt? “Die Predigtinhalte hängen davon ab, was mir an Text vorgegeben ist.” Gerald Koch orientiert sich an der Perikopenreihe*. “Meine zentrale Botschaft ist, dass es immer Möglichkeiten gibt, etwas zu ändern. Gott hilft uns dabei, das will  ich zur Sprache bringen, in aller Brüchigkeit.”

Viele Dinge sind nicht zu ändern, aber die eigene Einstellung dazu, der Umgang damit. Ein Thema der Seelsorge. “Da kommen wenig Anrufe”, sagt Koch. “Seelsorge geschieht zufällig, wenn man sich trifft, oder nach dem Gottesdienst. Als unter Corona kein Gottesdienst möglich war, habe ich mit den Leuten in der Kirche Gespräche geführt. Da geht es um Lebenskrisen. Ein junger Mensch erkrankt lebensgefährlich an Krebs. Was bedeutet das? Gibt es Gott oder gerade nicht?” Ehekrisen, Trennungsprobleme kämen weniger zur Sprache, sagt Koch.

Der tiefgreifende Wandel in der Ausübung des Glaubens betrifft auch die Katholische Kirche, vielleicht sogar härter. Die gemeinsame, “simultane” Nutzung von Gotteshäusern und anderen gemeindlichen Einrichtungen hat im Ried eine lange Tradition. Einmal im Jahr treffen sich der katholische Pfarrgemeinderat  und der evangelische Kirchengemeinderat zu Beratungen. Es gibt eine elf Jahre alte ökumenische Vereinbarung. Altenheim ist überwiegend evangelisch. Die Katholiken haben in Altenheim keine Räumlichkeiten. Sie dürfen das neue Gemeindehaus neben der Friedenskirche, das bald bezugsfertig ist, für größere Anlässe mitbenutzen.

*Fußnote: Perikopen sind Abschnitte aus der Bibel, die im Gottesdienst gelesen werden. Eine Reihe deckt ein Kirchenjahr ab. Sechs Reihen sind in der evangelischen Kirche gebräuchlich.

Dierk Knechtel
Dierk Knechtel