Erinnerungen aus eurer Zukunft

Ovids Metamorphosen vom Theater BAAL jetzt im Videostreaming | Ambitioniertes Lehrstück über Unbelehrbarkeit

Metamorphosen Götterklassenzimm _ Tilmann Krieg
Im Götter-Klassenzimmer. Hendrik Pape als Jupiter-Lehrer. Hinten der Baum der Weltgeschichte, darauf die Erde.
Foto: Tilmann Krieg

NEURIED. Es ist das Ende, gewiss, aber ist es auch ein Neuanfang? Das Stück gipfelt in der Vermessenheit des Phaeton, dessen Sturz einen Weltenbrand (Klimakatastrophe) auslöst. Der Asche entsteigt am anderen Ende der Welt Phoenix, der hier ein Schwan ist. Zukunft? Offen. Edzard Schoppmanns Adaption der Metamorphosen von Ovid (43 v. bis 17 n.Chr.) knöpft sich die Menschheit der Krisen und Katastrophen von heute vor.

Das Theater Baden Alsace hat mit Frau|Mann und Maus ein Welt und Zeit umspannendes Spektakel geschaffen. Elf Darsteller*innen und 25 Statist*innen bevölkern die Bühne, es wird deklamiert, gesungen, getanzt. Hinzu kommt ein gutes Dutzend Zuschauer, die in geschlossenen Glaskabinen sitzen. Die rollbaren Kästen sind der auffälligste von einigen Rückgriffen auf die Gegenwart.

Theater in dieser Zeit der Seuche ist fast unsichtbar. Es ist die Crux der Macher und ihrer wenigen Rezipienten, dass pausenlos über (lausige) Produktionsbedingungen und kaum noch über Inhalte gesprochen wird. Dafür stehen die Glaskästen. Spuckschutz, Abschottung, Lockdown-Metapher.

Im ersten Teil schieben die Darsteller die Zuschauer herum wie Pflegebedürftige. Das ist zwar Berserkerarbeit wie das Sündigen und Chaos stiften, dem sie sich hingeben, aber es wirkt ziellos. Die Zuschauer sind mittendrin, doch nicht dabei, das Glas macht sie zu Voyeuren, denen das Publikum zweiter Ordnung dabei zuschaut.

Im zweiten Teil wird wenig mit den Kästen gemacht. Einmal nimmt Jupiter darin Platz. Ansonsten stehen sie, aufgereiht und abgeschoben, am Bühnenrand. Das ist nicht schön, macht keinen Spaß. Ausdruckslos sind die Mienen der Zuschauer*innen. Ihr Anblick stört und bricht das eigentliche Schauspiel. Ob dramaturgische Absicht oder nicht, es zeigt sich die befremdliche Trübnis im Lockdown.

Das Stück beginnt mit der Genesis nach griechisch-römischer Mythologie. Am Anfang waren Erde, Wasser, Luft. Die Schauspieler liegen herum und fangen an, sich zu regen. Das* Mensch entsteht. Berufen, die übrigen zu beherrschen. Wer gibt das vor? Ovid sagt, die Gottheit, die es erschuf als ihr Ebenbild. Tatsächlich ist es umgekehrt, das Mensch verleiht sich selbst das Herrschaftsrecht. Weil sonst niemand da ist, erschafft es sich Strohmänner.

Doch wer herrscht wirklich? Ein weltweiter Konsens besagt, mit Intelligenz und Technik kriegen wir das Virus in den Griff. Ein alternativloses Muster, dem wir uns unterwerfen. Wir stoppen die Erderwärmung, müssen uns nur einig sein, es liegt in unserer Hand. Ist das so? Wer sagt das? Die Götter? Hätten wir doch einen ebenbürtigen, besser noch überlegenen Sparringspartner, der uns den Spiegel vorhält. So müssten wir nicht dauernd Nabelschau halten. All die Götter und Außerirdischen, die sich nicht zeigen, ändern nichts daran: Wir sind allein.

Hendrik Pape, wuchtig und stimmsicher, spielt den Chef. Das ist im Wechsel der Erzähler (Ovid) und Jupiter. Jupiter der Lehrer. Die Götteranwärter albern wie Kinder im Klassenzimmer herum. “Wir sind das Volk!”, skandieren sie. Eben. Jupiter steigt in Menschengestalt auf die Erde herab, um die Menschen zu strafen. Denn die Blutexzesse, die Gier und Mordlust (begleitet von Rammstein-Grummen), “das gibt unser Haushalt nicht her”.

Nach parlamentarischer Diskussion will Jupiter die “Bazooka” einsetzen, um ein neues, sittlich reines Menschengeschlecht zu schaffen. Die Sintflut. Weiße Bälle sind die Fluten. Gischt, Donner. Die sich wälzenden Leiber nach der Choreograhie von William Sánchez H. zeigen das Geschleudertwerden durch die entfesselten Elemente, das Aneinanderklammern. Das ist packend, mit minimalen Mitteln gut gelöst. Die Kamera, am Kopf befestigt, tanzt mit.

Wenn Yaroslawa Gorobey von Jupiter auserwählt wird, den Phaeton zu geben, wird gewissenhaft gegendert. Die Erde (Diana Zöller) ist dann doch wieder weiblich – schade. Der, der in der Weltendürre keine Wolken und kein Regen hat und also blitzen muss, ist der “Vater”. Wie wäre es mal mit einer Mutter?

Die betrogene Juno weigert sich, Io, Seitensprung Jupiters, zu verfolgen. Sie tut sich lieber mit ihr zusammen und wird lesbisch. Amor und Apollo machen auch miteinander rum. Juno-Zöller singt wie die Dietrich von der Liebe – die es auch noch gibt – und träumt von einem Patchwork-Liebestempel. Es ist nicht alles bierernst in diesem Stück. Das wäre ja auch zum Heulen.

Metamorphosen nach Ovid. Ein Crossover Projekt von Theater Eurodistrict Baden Alsace in Kooperation mit dem Tanztheater SZENE 2WEI und dem Elektro Rock Duo Ork. Regie: Edzard Schoppmann. Teil 1 und 2 als Video-Stream auf:

theater-baden-alsace.com/projekte/metamorphosen

Dierk Knechtel
Dierk Knechtel